
Es ist ein sonniger, aber kalter Wintermorgen und so beeile ich mich in die warmen Räume der Waldstadtrösterei zu schlüpfen. Für mich ist dieser Ort in den letzten Jahren zu einer Institution geworden. Als mein Studium 2021 begann, pilgerten meine Kommiliton*innen und ich so oft es ging in den Pausen zur Waldstadtrösterei, um einen duftenden Kaffee und Zsombors breites Lächeln in Empfang zu nehmen. Damals stand die Rösttrommel noch in einem kleinen Souterrain-Geschäft gegenüber vom Park am Weidendamm. 2023 kam der Umzug in die Eisenbahnstraße 7 und wir mussten uns ein halbes Jahr gedulden, um Filterkaffee, Flat White und Affogato im gemütlichen Hof des neuen Cafés trinken zu dürfen. Aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude und so bin ich an diesem Morgen froh, mit Zsombor in aller Ruhe über den Ort zu sprechen, den er und seine Partnerin Christine die letzten Jahre mit viel Liebe fürs Detail gestaltet haben.
Erstmalig geöffnet haben die beiden im Februar 2021 ganz klein, um auszuprobieren, ob die Idee der eigenen Rösterei überhaupt funktioniert. Die 45ste Rösterei in Berlin zu eröffnen war allerdings keine Option und so beschlossen Christine und Zsombor den Versuch in Christines Heimatstadt Eberswalde zu wagen. Mutig, aber nicht übermütig sollte die Ausstattung anfangs mobil sein: Die Kaffeemaschine von zuhause, 20 Weckgläser als Geschirr und ein befristeter Mietvertrag, sodass das Projekt im Notfall einfach beendet werden könnte. Die Gründer*innen nutzten diese schon vorhandenen Ressourcen allerdings nicht nur zu ihrer eigenen finanziellen Sicherheit, sondern auch um ihrem Anspruch an nachhaltiges Wirtschaften gerecht zu werden. Statt viel Kapital einzusetzen, nahmen Christine und Zsombor viel Zeit in die Hand und gaben zahlreichen ungenutzten Dingen in der Rösterei ein neues Zuhause.

Ein bisschen Zeit sollte mensch sich auch nehmen, um einen Kaffee in der Waldstadtrösterei zu trinken. Es gibt viel Auswahl bei der Bestellung: Mühle Eins (kräftigere Röstung) oder Mühle Zwei (fruchtigere, leichtere Bohne), danach Hafer- oder Kuhmilch oder doch schwarz: Espresso, Filter oder Americano? Wenn das Wetter gut ist, kann die Schlange auch mal länger sein. Aber so hat mensch noch ein bisschen Zeit, um sich zu entscheiden. Zumindest mir kommt das immer ganz gelegen. Für Eilige, die zwischen Tür und Angel nach dem schnellen Koffeinkick suchen, ist die Waldstadtrösterei nicht gedacht. Hier geht es um Genuss - immerhin ist Kaffee kein Grundnahrungsmittel, sondern ein Luxusprodukt. Das möchten Christine und Zsombor in der Waldstadtrösterei vermitteln und setzen auf Klasse statt Masse - auch beim Rösten. Während industriell gefertigter Kaffee nur zwei bis drei Minuten bei 500 bis 600°C erhitzt wird, sind die sechs Kilo großen bzw. kleinen Chargen hier zehn bis 12 Minuten bei ca. 200°C in der Trommel. Doch nicht nur der Genuss braucht seine Weile, auch die eigenen Prinzipien in Bezug auf Nachhaltigkeit verlangen Geduld. So kommen die Kaffeebohnen der Kooperative Combrifol aus Honduras sogar per Segelboot und Fahrrad in die Rösterei und es entstehen spannende Experimente, z.B. die Entwicklung von „Frieda“, einem regionalen Lupinenaufguss als koffeinfreie Alternative. Frieda kommt gegenüber entkoffeiniertem Kaffee bei der Herstellung mit wesentlich weniger Energie- und Wasseraufwand aus und wird zudem lokal angebaut (übrigens ein Projekt in Kooperation mit der HNEE!). Doch vielleicht passt die Langsamkeit des Konzeptes ja ganz gut zum Standort Eberswalde, denn Zsombor erzählt mir, dass nach seiner Erfahrung hier alles was neu ist, eben ein bisschen mehr Zeit braucht, um angenommen zu werden. Er ist froh um das Feedback der Studierenden in den Kooperationsprojekten, denn sie denken ganz anders als er mit seiner klassischen Wirtschaftsausbildung und so kann er immer überprüfen, ob seine Ideen zu den Vorstellungen seiner Gäste passen.
Obwohl wir hier in Deutschland sehr weit weg von der Kaffeekirsche sind, dürfen wir nicht vergessen, dass es sich bei den Bohnen um ein landwirtschaftliches Produkt handelt. Der Kaffeestrauch ist in den letzten Jahren leider immer stärker von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen: Höhere Temperaturen und Pilzerkrankungen wie der Kaffeerost sind besonders belastend für die Pflanzen. Gleichzeitig sorgen globale, postkoloniale Kontinuitäten dafür, dass die Kaffeebäuer*innen oft nicht von den gestiegenen Weltmarktpreisen durch die kleineren Ernten profitieren. Deshalb arbeitet die Rösterei mit kleinen Direktimporteur*innen zusammen, die die Produzent*innen persönlich kennen und Wert auf eine langfristige Zusammenarbeit legen. Damit der Kaffeeanbau durch ökologisch integrierte Produktionstechniken und soziale Absicherung der Produzent*innen auch langfristig erhalten bleibt, liegt der Einkaufspreis des Rohkaffees in der Waldstadtrösterei weit über dem Börsenpreis.

Christine und Zsombor ist es sehr wichtig, dass der eigene Kaffeegenuss keinen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Auch wenn es für Traditionalist*innen und Liebhaber*innen der klassischeren Röstkunst nussig, schokoladige Bohnen im Angebot gibt, lohnt es sich in jedem Fall, die milden Varianten mit blumig-fruchtigen Aromen zu probieren. Jeden Kaffee gibt es als Espresso und Filter-Variante und es macht Spaß beides nebeneinander zu probieren, denn es ist kaum zu glauben, dass sie von der gleichen Bohne stammen – so unterschiedlich schmecken sie! Neben allen erdenklichen Kaffee-Varianten (im Sommer selbstverständlich auf Eis), gibt es koffeinfreie Alternativen wie Frieda oder Kakao, selbstgebackene Kekse und Scones, Eis am Stiel und alle Röstungen zum mitnehmen für daheim. Auch die handgemachten Kakaoprodukte von Handgeschöpf, die im selben Haus hergestellt werden, finden sich in den Regalen. Alles in allem viele gute Gründe, um sich vom Campus auf die kurze und unbeschwerliche Pilgerreise zur Waldstadtrösterei zu machen und selbst zur Jünger*in dieses achtsam hergestellten und immer herzlich servierten Kaffees zu werden.

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